Zweisprachig im Spektrum

Zweisprachigkeit und Autismus


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Zwei (oder mehrere) Sprachen lernen

Nach unserer Rückkehr aus Ecuador nach Österreich wurden wir ja gewissermaßen – wenn auch darauf vorbereitet – abrupt in unseren Alltag zurückgestoßen: Sämtliche Kunden sind aus dem Sommerloch aufgetaucht, das Uni-Semester hat begonnen und zusätzlich dazu habe ich mich noch an drei aufeinanderfolgenden, hochgeschätzten Wochenenden, die in der Regel der allgemeinen Entspannung in unserer Familie dienen, zu insgesamt 5 langen Seminartagen angemeldet. Ich bin froh, dass dieser Marathon am kommenden Wochenende sein Ende findet und ich, bereichert um neue Fähigkeiten und Kenntnisse, mit dem Lernen für die gerichtliche Zertifizierung beginnen kann.

Entsprechend wenig Zeit bleibt da natürlich für die Lektüre meiner Sachbücher zum Thema „Zweisprachige Erziehung“. Heute nutze ich daher wieder einen Teil meiner langen Zugfahrt nach Graz dafür, während der kleine Prinz – der in seinen wachen Stunden ununterbrochen brabbelt, quietscht, kreischt, lacht, brummt etc. – brav mit seinem Papa den ganzen Tag auf Spanisch verbringt.

Nachdem ich nun die Einleitung sowie das 1. Kapitel (Erstsprachenerwerb) gelesen und in diesem Blog verarbeitet habe, konnte ich heute mit der Lektüre des zweiten Kapitels von Consigue que tu hijo sea bilingüe beginnen.

Zu Beginn dieses Kapitel stellt Barbara Zurer Pearson die Frage, wie viele Sprachen ein Mensch denn lernen könne. Die Autorin betont an dieser Stelle, dass das menschliche Gehirn prinzipiell unendlich viele Sprachen lernen kann. Die Herausforderung liegt hier beim Umfeld, denn um eine Sprache ausreichend gut anwenden zu können, muss das Kind eben ausreichend vielen natürlichen Kommunikationssituationen ausgesetzt sein. Die Organisation dieser Interaktionen verlangt den Eltern schon bei nur zwei Sprachen einiges an Aufwand ab – je mehr Sprachen das Kind lernen soll, desto höher wird dieser Aufwand natürlich. Wenn die nötigen logistischen Mittel zur Verfügung stehen, dann ist es jedoch durchaus auch möglich, sehr viele Sprachen zu lernen. Zurer Pearson erwähnt in diesem Kapitel das Beispiel von Berlitz, der angeblich 32 Sprachen gesprochen haben soll.

Anschließend schreibt die Autorin über die verschiedenen Arten von Zweisprachigen. Sie unterstreicht, dass die verfügbaren Definitionen für Zweisprachigkeit ebenso vielfältig sind wie die verschiedenen Ausprägungen. Eine anschauliche Tabelle visualisiert ihre Ausführungen über die unterschiedlichen Definitionen von Zweisprachigkeit hinsichtlich des Zeitpunkts des Spracherwerbs und des Niveaus der Sprachkenntnisse:

Wann wird die zweite Sprache erlernt

Bezeichnungen

Zweite Sprache (L2)

Niveau

Früh-Bilingualismus

Zweisprachig seit dem Säuglingsalter (simultane Zweisprachigkeit)

Ab Geburt gelernt, gleichzeitig mit L1. Informelle Lernsituation,
i. d. R. zu Hause

Muttersprachler
in L1 und L2

Konsekutive Zweisprachigkeit

Ab einem Alter von 2-3 Jahren gelernt, wenn L1 bereits gefestigt ist, zu Hause;
der aber ab ca. 5 Jahren in der Schule

Muttersprachler
in L1 und ähnlich
einem Muttersprachler
in L2

Später Bilingualismus

Späterer Erwerb der zweiten Sprache

Als Jugendliche gelernt (meist) in einer höheren Schule

Muttersprachler
in L1; kein
Muttersprachler oder
nur annähernd muttersprachliches
Niveau in L2

Des Weiteren schreibt die Autorin, dass es beim Sprachenerwerb vor allem jene Tatsache zu beachten gilt, dass man nie damit „fertig“ ist. Man kann nicht sagen: Ich habe es geschafft, jetzt habe ich Französisch gelernt. Sie erörtert in der Folge die Frage, wie viel man können muss, um als Zweisprachiger zu gelten. Barbara Zurer Pearson findet es sehr wichtig, zwischen den jeweiligen Kommunikationsrahmen zu unterscheiden: Geht es darum, ob man an informellen Gesprächen teilnehmen kann? Oder soll die Person in ihrer Zweitsprache ein Gespräch auf Universitätsniveau führen? Sie selbst meint, dass man dann von Zweisprachigkeit sprechen kann, wenn man die zweite Sprache in realen Kommunikationssituationen anwendet.

In einer Studie, die an der Universität von Miami durchgeführt wurde, stellten die Wissenschaftler fest, dass die Fähigkeiten Sprechen und Lesen sprachübergreifend angeeignet werden. Die mündliche Ausdrucksfähigkeit (Vokabular) allerdings wird für jede Sprache eigens gelernt. So kommt es häufig vor, dass ein zweisprachiges Kind in der Sprache, die zu Hause gesprochen wird, sämtliches Vokabular des Haushalts zur Verfügung hat, und in der Sprache, in der es den Unterricht besucht, zum Beispiel über Mathematik reden kann.

Ich hoffe, dass mein Mann – obwohl er selbst genauso wie ich vom mathematischen Genie eher weit entfernt ist – unserem Sonnenschein auch ein wenig „bildungstypisches“ Spanisch beibringen kann, damit Sohnemann in beiden Sprachen möglichst viele Kommunikationssituationen abdecken kann. Das bedeutet natürlich, dass auch ich mich mit dem kleinen Prinzen zum Beispiel über Fußball unterhalten sollte. Das Wichtigste wird allerdings sein, dass nichts davon gezwungen ist – es wird wohl auch keinen großen Schaden anrichten, wenn unser Sonnenschein über gewisse Dinge hauptsächlich in nur einer seiner beiden Sprachen kommuniziert.


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Deutsches Resümee zu „How to create a truly bilingual household“

Knappe zwei Wochen trennen uns noch von dem Abenteuer der Heimreise nach Österreich. Wenn ich an den Langstreckenflug denke, dann hoffe ich bloß, dass unser kleiner Prinz nach wie vor Gefallen daran findet, stundenlang mit Unbekannten herumzuflirten. Wir werden sehen.

Gerade eben habe ich es endlich geschafft, einen interessanten Airtalk mit zwei erfahrenen Gästen auf dem Gebiet der Zweisprachigkeit – Barbara Zurer Pearson und Roxana Soto – vollständig zu hören. Als berufstätige Mama ist es gar nicht so einfach, derlei Freizeitaktivitäten zu verfolgen. Ebenso stolz war ich darauf, während unserer Reise entlang der ecuadorianischen Küste ein ganzes Buch (Isabel Allendes „Paula“) gelesen zu haben.

Die Unterhaltungen fanden in englischer Sprache statt – ich werde hier selbstverständlich meine Zusammenfassung (und meine persönlichen Kommentare) auf Deutsch anbieten:

Noch vor 100 oder 120 Jahren war es für die Einwanderer in die USA ganz normal, ihre Kinder davon abzuhalten, in ihrer Muttersprache zu sprechen. Sie sollten vielmehr zur Schule gehen und Englisch lernen. Zweisprachigkeit war allseits als Handicap bekannt. (An dieser Stelle erinnerte ich mich an meine Frisörin, die selbst als Kind aus Bosnien nach Österreich immigriert ist und mir einmal erzählte, dass ihre Tochter nicht wirklich Bosnisch kann. Ich denke, dass das in Österreich häufig der Fall ist. Ich persönlich glaube, dass es mitunter auch daran liegt, dass die Sprache der Immigranten im Zielland häufig als minderwertig gesehen wird – eine Einstellung, die viele Einwanderer mit der Zeit auch selbst übernommen haben.) Ein Anrufer und selbst zweisprachig erziehender Vater meinte zu diesem Thema, dass die zweite Sprache auch als Teil der Wurzeln des Kindes verstanden werden muss, und deshalb die Muttersprache auf keinen Fall vernachlässigt werden sollte. Aber wie schafft man es, sein Kind zweisprachig zu erziehen?

Eine Familie, zum Beispiel, hat ein Mandarin sprechendes Kindermädchen angestellt, damit die Kinder zweisprachig aufwachsen können. (Meiner Meinung nach ist das, gerade im mitteleuropäischen Kontext gesehen, ein sehr kostenintensives Modell. Ein ganztägig angestelltes Kindermädchen muss sich eine Familie erst einmal leisten können. In Ländern, in denen es das Konzept der Elternzeit gibt und es daher üblich ist, dass ein Elternteil bis zu einem gewissen Alter der Kinder die Kinderbetreuung und –Erziehung übernimmt, ist dieses Modell außerdem obsolet. Viel ansprechender fände ich es, wenn die [öffentlichen] Bildungsanstalten stärker auf Mehrsprachigkeit setzen würden.)

Ein anderer Weg ist das typische Modell von Einwanderern: zu Hause wird die Muttersprache gesprochen, im gesellschaftlichen Leben wird die Landessprache gesprochen. (Ich denke, die Eltern müssen sich im Falle dieses Modells sehr hart anstrengen, um die Landessprache ebenfalls auf einem ausreichend hohen Niveau zu erlernen. Vor allem in Kulturen, in denen ein Elternteil (meist die Mutter) rein für den Haushalt und die Kindererziehung zuständig ist, besteht großes Risiko, dass dieser die Landessprache niemals gut sprechen kann und sich daher niemals in der neuen Heimat integrieren können wird.)

Eine andere Anruferin berichtet, dass der Vater mit der kleinen Tochter ausschließlich Französisch spricht und die Mutter Englisch. Zweimal pro Woche sprechen die Eltern ebenfalls Französisch miteinander. Sie leben in den USA. Die Ferien verbringen sie in Frankreich, damit das Kind zusätzlichen französischen Input bekommt. Momentan verfügt die Tochter über mehr englisches Vokabular. Barbara Zurer Pearson, Autorin des Buches „Raising a bilingual child“, meint, dass dieses Modell ihrer Meinung nach vielversprechend klingt, da für beide Sprachen ausreichend Kommunikationssituationen angeboten werden. (Dieses Modell ähnelt am ehesten unseren Gegebenheiten, mit der Ausnahme, dass mein Mann und ich ausschließlich Spanisch miteinander sprechen, was natürlich für die Deutschkenntnisse meines Mannes von Nachteil ist.)

Pearson betont jedoch, dass die Eltern nicht die einzige Quelle für eine Sprache sein müssen. Was das Kind benötigt, um eine (zweite) Sprache zu lernen, ist ein Beweggrund und ausreichend Gelegenheit. Das Kind muss die Sprache häufig hören, und es muss die Sprache selbst sprechen wollen, es muss einen Sinn darin sehen, diese Sprache ebenfalls zu sprechen. Die Eltern dürfen also nicht übersehen, dem Kind immer wieder zu zeigen, warum es diese Sprache sprechen soll.

Abhängig davon, mit welchem Alter das Kind die neue Sprache lernen soll, gibt es verschiedene Ansätze. Barbara Zurer Pearson sagt, dass das Kind nicht ins kalte Wasser gestoßen werden muss. Es ist einfach nur für altersgerechte Kommunikationssituationen zu sorgen. Wenn das Kind bereits älter ist, dann kann beispielsweise visuelle Unterstützung dazu beitragen, dass sich das Kind in der neuen Sprache nicht verloren fühlt. Wenn ein Kind bereits im Babyalter mit der zweiten Sprache konfrontiert ist, dann ist es aber ohnehin daran gewohnt, nicht immer alles zu wissen, was geschieht.

Roxana Soto, Mitautorin des Buches “Bilingual is better”, sagt, dass es prinzipiell natürlich egal ist, in welcher Sprachenkombination ein Kind zweisprachig erzogen wird. In vielen US-amerikanischen Städten jedoch wird sehr viel Spanisch gesprochen. Dieser Umstand ist natürlich ein Plus für eine bilinguale Erziehung in Englisch und Spanisch in diesen Städten, weil die zweite Sprache auch im öffentlichen Leben immer wieder gehört wird – in den Supermärken, in den Restaurants, in den Geschäften. (In unserem Fall wäre es beispielsweise bestimmt besser, in Wien zu leben, da es auch dort bereits eine stetig anwachsende Latino-Community gibt. Da meine Familie jedoch auf dem Land lebt, möchten wir vorerst nicht auf die Vorteile verzichten, die es mit sich bringt, Großeltern und Tanten in der Nähe zu haben.)

Auf die Frage, wie man sicherstellt, dass ein Kind nicht den „Slang“ aufsaugt, der mitunter auf der Straße gesprochen wird, antwortet Soto, dass sie in ihrer Familie mit viel Lektüre und Musik darauf achtet, dass die Kinder die gehobene Sprache lernen. (Außerdem ist es natürlich auch sehr wichtig, selbst die eigene Sprache zu pflegen, um ein gutes Vorbild zu sein. Meiner Meinung nach bezieht sich diese Frage aber nicht nur auf Zweisprachigkeit – auch einsprachig erziehende Eltern sind mit dem Dilemma konfrontiert, dass das Kind „draußen“ möglicherweise mit unschöner Sprache in Kontakt kommt.)

Die Moderatorin fragt außerdem, ob es denn in der zweisprachigen Erziehung Fehler gibt, auf die man Acht geben müsse. Ein Problem sieht Soto eventuell darin, eine Sprache an sein Kind weiterzugeben, die man als Eltern selbst nicht regelmäßig benutzt. Soto betont, dass es durchaus mit Aufwand verbunden ist, ein Kind zweisprachig zu erziehen, vor allem, wenn man die einzige Person ist, die die zweite Sprache mit dem Kind spricht. Man muss wirklich sehr konsequent sein und darf nicht lockerlassen.

Pearson meint, die Kinder müssen Gelegenheit erhalten, in der Sprache zu interagieren. Wenn sie nur sehr wenig mit der zweiten Sprache zu tun haben und keinen Sinn darin sehen, diese Sprache zu sprechen, dann werden sie diese Sprache auch verweigern. Pearson betont, dass jede Sprache erlernt werden kann. Sie bestätigt jedoch, dass es für jemanden, der bereits Mandarin spricht, etwas einfacher sein wird eine zweite Sprache zu lernen, die ähnlichen Regeln folgt. Auf die Frage, in wie vielen Sprachen ein Kind aufwachsen kann, meint Pearson: So viele Sprachen als die Eltern Zeit haben, ausreichend natürliche Kommunikationssituationen anzubieten.

Ein Vater erzählt beispielsweise, dass er ausschließlich Farsi und die Mutter ausschließlich Englisch mit seinem Kind gesprochen hat. Der Kinderarzt meinte jedoch damals, dass die beiden ihr Kind verwirrten und damit aufhören sollten. Heute ist das Kind ein Jugendlicher und spricht ausschließlich Englisch. Die Eltern finden das natürlich sehr schade. Pearson meint, dass sich die allgemeine Meinung über Zweisprachigkeit aktuell verändert. Früher wurden Sprachprobleme oft der Zweisprachigkeit zugeschrieben. Wenn ein Kind aber Probleme in der sprachlichen Entwicklung hat, dann, so Pearson, meist in beiden Sprachen.

In einem Kommentar auf der Homepage des Airtalks schreibt ein einsprachig aufgewachsener Poster, dass er nicht in der Lage sein, ganz schnell zwischen zwei Sprachen hin- und herzuschalten, obwohl Englisch heute seine Hauptsprache sei. Er hat Englisch erst später gelernt, und er erkennt zweisprachig aufgewachsene Leute sehr rasch daran, dass sie sehr schnell zwischen ihren Sprachen umschalten können. Er selbst brauche für dieses intellektuelle Kunststück mindestens fünf Minuten.