Zweisprachig im Spektrum

Zweisprachigkeit und Autismus


Hinterlasse einen Kommentar

Einfach anders

Vor ungefähr einem Monat feierte der kleine Prinz seinen sechsten Geburtstag. Der sechste Geburtstag, das ist doch einer dieser Meilensteine, wenn aus dem Kleinkind ein (Vor-)Schulkind wird. Wenn Autismus mit im Spiel ist, dann gelten all diese Erwartungen aber nicht. Man kann ein nicht-autistisches Kind schon in kein Schema pressen. Mit einem autistischen Kind geht das noch viel, viel weniger.

Das mag auf den ersten Blick negativ klingen, ist es jedoch nicht. Es ist real. So sieht die Wirklichkeit aus. Als Mutter lernt man, damit umzugehen. So, wie es auch die kleine Fee lernt. Auch für sie ist es mitunter eine Herausforderung, den großen Bruder zu verstehen. Nachzuvollziehen, warum es ihn so dermaßen aus der Bahn wirft, wenn die Mami – anstatt gleich mit in den Garten hinauszugehen – vorher noch schnell auf die Toilette läuft. Die kleine Fee liebt ihren Bruder, zum Glück, und das obwohl er häufig überhaupt nicht auf sie reagieren kann, weil er zu sehr in sich und mit sich selbst beschäftigt ist.

An guten Tagen bin ich völlig problemlos und ohne große Anstrengung der Fels in der Brandung. Die beste Eigenschaft, die ich mir im Zuge der Auseinandersetzung mit Autismus errungen habe, ist es mich selbst und meine psychischen Kräfte einzuschätzen und wirklich gut darauf zu achten, dass ich mich möglichst in meiner Mitte befinde. Ich betreibe viel Sport, achte auf meine Gesundheit, auf meinen Ausgleich. Ich gehe aus, tanze, singe.

Nur, wenn es der Hauptbezugsperson gut geht, kann es auch dem betroffenen Kind gut gehen. ABER: So sehr ich mich auch bemühe, ich schaffe es derzeit einfach nicht, den vorweihnachtlichen Stress völlig auszublenden. Sehr deutlich spüre ich, dass es dem kleinen Prinzen zu viel wird. Zu viele Reize, zu viel Aufregung, zu viel „viel“. Er ist kaum belastbar. Zwar wirkt er nicht unglücklich, aber sehr häufig maßlos überfordert. Bestimmt hängen auch diverse Entwicklungen damit zusammen: er ist wahnsinnig gewachsen und ich habe manchmal den Eindruck, er muss sich sein früheres Körpergefühl erst wieder neu erarbeiten. Die neuen Dimensionen quasi erst wieder kalibrieren. Es scheint mir so unglaublich unfair, dass diese Dinge anderen Menschen so leicht fallen, und sich der kleine Prinz so schrecklich dafür abmühen muss. Auch kognitiv hat er große Sprünge gemacht. Er kann sich auch viel besser ausdrücken, verwendet sehr, sehr häufig die erste Person, wenn er ein Bedürfnis äußert.

In letzter Zeit habe ich das Gefühl, dass das Zusammenleben mit der kleinen temparamentvollen Fee zunehmend einfacher wird – vor allem was Selbstständigkeit angeht – während es mit und für den kleinen Prinzen immer komplizierter wird. Natürlich darf ich diese Vergleiche eigentlich nicht ziehen, und natürlich haben diese ehrlichen Aussagen absolut gar nichts mit der Liebe zu tun, die ich für beide Kinder empfinde. Es ist nur ein ganz offizieller Akt des Die-Karten-auf-den-Tisch-Legens. Ich bereite mich darauf vor. Auf eine fordernde Zukunft. Und baue mein Helfer/innen-Netzwerk entsprechend aus.

Besinnliche Festtage an alle!