Zweisprachig im Spektrum

Zweisprachigkeit und Autismus


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Altersgerechte Bücher und Vorlesen ohne Text

Das Semester ist offiziell zu Ende, und es stehen nur noch einige Abschlussarbeiten und mündliche Prüfungen zwischen mir und den Ferien. Ich bin sicher, dass es besonders dem kleinen Prinzen – dessen „Mamitis“ mittlerweile noch stärker geworden ist – große Freude bereiten wird, nicht mehr jeden Freitag auf seine Mama verzichten zu müssen.

Auch die Reise nach Südamerika rückt damit in großen Schritten näher, und wir müssen uns nun endlich Gedanken über Gepäck und so weiter machen. Da das Vorlesen dem kleinen Sonnenschein so große Freude bereitet, möchte ich natürlich auch in Ecuador an unserem schönen Gutenacht-Ritual festhalten. Um das Ganze möglichst praktisch zu organisieren, werde ich dafür nur ein einziges Buch mitnehmen, in dem eben mehrere Geschichten vorkommen. Papa liest ja immerhin auch schon seit 7 Monaten jeden zweiten Abend aus den beiden selben Büchern.

Bei diversen Recherchen, zum Beispiel bei Ravensburger, findet man gerade für die Babys im Alter von 7 Monaten ausschließlich Bücher zum Fühlen, Knisterbücher etc. Auch wenn Sohnemann nun endlich Interesse an Spielsachen zeigt, finde ich es nicht nötig, solche Bücher anzuschaffen. Gerade fürs Schlafengehen scheinen mir diese außerdem gar nicht angemessen, da er – so mein Gefühl – beim Vorlesen von Geschichten viel besser zur Ruhe kommen kann, als wenn unterschiedliche Geräusche und Texturen sein Interesse wecken. Die meisten Geschichten, die wir lesen, stammen aus Büchern, die laut Angabe für viel ältere Kinder gedacht sind. Dennoch lauscht Sohnemann stets aufmerksam jeder Geschichte – daher denke ich, dass er mit den Texten sicher nicht überfordert wird.

Die vor Wochen bereits erwähnten Fingerpuppenbücher kann ich nun schon alle drei in- und auswendig. Lustige Anekdote: Ich habe meiner Schwester von diesem Umstand berichtet, worauf sie mir – wohl gemerkt nach nunmehr fünf Jahren – ebenso sämtliche Texte „aus dem Effeff“ vortragen konnte :-). Nun habe ich in den Babyzeug-Kisten, die wir innerhalb der Familie immer weiterreichen, einige Bilderbücher gefunden. Eine Altersangabe findet sich auf keinem der Bücher, und sie sind mitunter auch schon etwas vom Gang der Zeit gezeichnet; ihren Zweck erfüllen sie aber allemal, und einige davon regen auch Mamas Kreativität an – ein herzlich willkommener Nebeneffekt!

Es handelt sich dabei nämlich um reine Bilderbücher ohne jeglichen Text über einen Elefanten namens Rüssel. Jedes Buch behandelt ein bestimmtes Thema, zum Beispiel „Rüssel als Baby“, „Rüssel im Sommer“ etc. Zu den Bildern kann man sich jedes Mal eine neue Geschichte ausdenken. Wenn man selbst noch nicht allzu müde ist, kann man versuchen, dass sich die ad hoc erfundenen Zeilen sogar reimen. Natürlich ist nicht jeden Abend genügend Energie für derartigen Denksport übrig, daher werde ich auf jeden Fall vor unserer Reise noch ein passendes Buch organisieren. Immerhin wird für den gesamten Dauer unseres Aufenthaltes in Südamerika Deutsch die weniger gebrauchte Sprache sein, und daher möchte ich besonders dann dem kleinen Prinzen ausreichend deutschsprachige Impulse anbieten.


Ein Kommentar

Ammenmärchen und Tatsachen über zweisprachige Kinder – Teil 2

Zum letzten Mal in diesem Semester trete ich meine Zugfahrt nach Graz an. Ich hoffe, auch über den Sommer die sprachliche Entwicklung des kleinen Prinzen so konsequent dokumentieren zu können. Besonders während des Aufenthaltes in Südamerika wird das wohl ein regelmäßiger Kampf gegen den Schweinehund werden. Sohnemann selbst – der, nebenbei bemerkt, mittlerweile stolzer Besitzer zweier Zähnchen ist – ist jedoch bestimmt sehr glücklich darüber, dass die langen Abwesenheiten seiner Mama eine Weile ausbleiben werden, zumal er gerade eine „Mama-Phase“ hat. Für die berufstätige und deswegen häufig von Gewissensbissen geplagte Mama ist das natürlich eine unbeschreiblich große Freude! Der kleine Prinz ist am allerliebsten in meiner Nähe, und er verlangt über den Tag verteilt immer wieder nach Mama-Kuscheleinheiten. In Ecuador nennt man das „Mamitis“. Wer die südamerikanischen Mutter-Kind-Beziehungen kennt, versteht, warum dieser Ausdruck auch für erwachsene  Männer noch häufig verwendet wird …

Wie bereits letzte Woche angemerkt, geht es heute mit dem zweiten Teil der „Ammenmärchen und Tatsachen über zweisprachige Kinder“ weiter. Barbara Zurer Pearson hat auch für die letzten vier Behauptungen sehr interessante Informationen bereitgestellt.

  1. Kinder lernen zwei Sprachen, weil die Eltern meinen, dass es ihnen später Vorteile bringt.

Damit ein Kind zwei oder gar mehrere Sprachen spricht, reicht laut Autorin der reine Wille der Eltern nicht aus. Die Eltern müssen die nötigen Rahmenbedingungen schaffen, damit das Kind die Sprache als brauchbar und interessant befindet und sich in dieser Sprache verständigen möchte.

Genau hier sehe ich das Problem bei der Überlegung, eine weitere meiner Fremdsprachen an unseren kleinen Sonnenschein weiterzugeben. Besonders die Tatsache, dass wir in einer ländlichen Region leben und das Angebot an fremdsprachlichen Rahmenbedingungen kaum bis gar nicht ausgebaut ist, sehe ich hier als Hindernis. Natürlich werden wir nach unserer Reise nach Südamerika wieder stärker daran arbeiten, eine englischsprachige Spielgruppe auf die Beine zu stellen, das erfordert jedoch sehr viel Konsequenz und eben auch andere interessierte Eltern, und im Optimalfall Muttersprachler und Muttersprachlerinnen, die ebenfalls an dem Projekt teilnehmen möchten. Auf jeden Fall ist es mit außerordentlich viel Aufwand verbunden, einen authentischen Kommunikationsrahmen zu schaffen, wenn keiner der beiden Elternteile die gewünschte Sprache als Muttersprache spricht.

  1. Eltern, die eine Sprache nicht gut beherrschen, geben ihre Fehler und ihren Akzent an die Kinder weiter.

Das stimmt, so die Autorin. Jedoch nur dann, wenn ausschließlich dieser Elternteil mit dem Kind in der betreffenden Sprache spricht. Der Kontakt mit anderen muttersprachlichen Personen hilft dabei, eventuelle Defizite wieder auszugleichen.

Diese Aussage regt mich ganz besonders dazu an, meine ursprüngliche Meinung zu überdenken. Es klingt sehr nachvollziehbar für mich, dass es wohl kein großes Drama ist, wenn nur ein oder zwei Personen, die mit einem Kind in einer Sprache sprechen, diese Sprache nicht gut beherrschen, solange es ausreichend korrekten Input bekommt. Ich fühle mich wieder etwas mehr dazu motiviert, dem kleinen Prinzen nach dem Sommer auch einen englischsprachigen Kommunikationsrahmen zu schaffen.

  1. Hat ein bilinguales Kind Probleme in der sprachlichen Entwicklung in einer oder beiden Sprachen, dann sollte eine der beiden Sprachen weggelassen werden.

Dieses Ammenmärchen wird durch keinerlei wissenschaftliche Grundlagen untermauert, schreibt Barbara Zurer Pearson. Jene Kinder, die mit ihrer Zweisprachigkeit Probleme haben, haben in der Regel auch mit nur einer Sprache Schwierigkeiten.

Da der kleine Prinz noch recht klein ist und seine verbale Kommunikation bis dato auf einen bunten Mix an unterschiedlichen Silben begrenzt ist, kann ich dazu noch keine persönlichen Erfahrungswerte beitragen. Es bleibt mir nur zu hoffen, dass dem „Zwuck“, wie ich ihn liebevoll nenne, die Sprachbegabung seiner Eltern vererbt wurde.

  1. Es gibt nur einen korrekten Ansatz zur zweisprachigen Erziehung von Kindern.

Die Autorin nennt an dieser Stelle die Eltern als Experten. Sie meint, die einzige falsche Weise der zweisprachigen Erziehung sei, sie ganz sein zu lassen. Sie fordert ihre Leser und Leserinnen auf: Wenn du noch nicht damit begonnen hast, dann ist jetzt der richtige Moment dafür.

Auch diese Aussage  regt mich sehr zum Nachdenken an. Für mich war von dem Moment an, an dem ich von meiner Schwangerschaft erfahren habe, OPOL der einzige korrekte Weg der bilingualen Kindererziehung. Je mehr ich mich in das Thema einlese und einlebe, desto weiter entferne ich mich von diesem festgefahrenen Denken. Vielleicht könnte man sagen, OPOL ist jener Weg, der im Kontext des Alltags den (muttersprachlichen) Eltern am wenigsten Aufwand abverlangt.