Zweisprachig im Spektrum

Zweisprachigkeit und Autismus


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Das Kleinkind und die Sprache(n): Jetzt geht’s los!

Wir sind uns nicht so recht sicher, ob wir es uns nur einbilden, oder ob der kleine Prinz tatsächlich mehr oder weniger exakt an seinem ersten Geburtstag und dem Übergang vom Baby zum Kleinkind einen großen Entwicklungssprung getan hat. Er läuft zwar noch nicht selbstständig, aber in seinem Verhalten wirkt er eigenständiger. Er spielt schon sehr häufig alleine, und wenn ihm etwas nicht passt, dann zeigt er uns das mehr als deutlich. Gleichzeitig beginnt er aber auch, sich uns gegenüber liebevoll und zärtlich zu verhalten – das sind unbezahlbar schöne Momente!

Zusätzlich zu den bereits erwähnten Wörtern sagt unser Sonnenschein nun auch regelmäßig „Ball“ (‚ba’), wenn er seiner Lieblingsbeschäftigung (Fußballspielen) nachgehen möchte. Außerdem erwidert er „Gesundheit“ (‚un-he’) wenn jemand niest! Auf Spanisch ist in dieser Woche das Wort „guapo“ (auf Deutsch „hübsch“) hinzugekommen. Für beide Sprachen zählt das Wort „Tomate“ (‚ate’). Klein Sonnenschein ist ein wahrer Bücherwurm und möchte immer häufiger Bücher ansehen oder daraus vorgelesen bekommen.

Der uns gegönnte Schlaf hält sich nach wie vor in Grenzen, und ich frage mich immer häufiger, ob die durchzechten Nächte aus Jugendtagen wohl als Training für das Zahnen des künftigen Nachwuchses evolutionstechnisch vorgesehen sind … (Ich hoffe, Sohnemann verwendet diesen kleinen Scherz als Teenager nicht gegen mich).

Trotz der Ringe unter meinen Augen habe ich mich während der Zugfahrt wieder der Lektüre meines Fachbuches gewidmet. Beschämt kam mir heute Morgen übrigens der Geistesblitz, dass natürlich deshalb niemand als ÜbersetzerIn des Buches angeführt ist, weil die bilinguale Autorin selbst die spanische Version angefertigt haben muss!! Das versteht man dann wohl unter einer langen Leitung. Ich rechtfertige es vor mir selbst mit dem Schlafentzug, und nehme sicherheitshalber auch noch Stilldemenz als Ausrede dazu.

Aber nun zum Inhalt des Buches. Um die Frage zu beantworten, bis zu welchem Alter es für Kinder optimal ist, eine zweite Sprache zu erlernen, knüpft Barbara Zurer Pearson an ihre Ausführungen zum kindlichen Gehirn an und fasst hinsichtlich eines erwachsenen Gehirns zusammen, dass …

  • es für Erwachsene schwieriger ist, eine zweite Sprache zu erlernen, da sie gewisse Aspekte der ersten Sprache „ausklinken“ müssen (Interferenzen);
  • das LAD bei Erwachsenen nicht mehr verfügbar ist, da das Gehirn diesen „Speicherplatz“ ab einem gewissen Alter für andere Aktivitäten und anderes Wissen in Anspruch nimmt;
  • das erwachsene Gehirn über weniger Energie im Gehirn verfügt.

Man schätzt, dass Kinder bis zum Alter von ca. 6 Jahren über ihr LAD verfügen können. Außerdem nimmt man an, dass bis zum Alter von ca. 9 Jahren ein erhöhtes Energieniveau für den Spracherwerb zur Verfügung steht. Die Vernetzungen im Gehirn sind noch zahlreicher und daher gleichzeitig schwächer, das macht sie flexibler: Eine neue Sprache kann leichter ohne Interferenzen aufgenommen werden.

Die Autorin ist der Überzeugung, dass ein Erwachsener – selbst wenn er ebenso wie ein Kind völlig in die Zweitsprache eintauchen kann und für die Aneignung der Sprache dieselbe Zeit zur Verfügung hat wie ein Kind – dennoch nicht dasselbe Niveau erreichen kann, weil die biologischen Aspekte (siehe weiter oben) belegen, dass der Spracherwerb für ein kindliches Gehirn einfacher zu bewältigen ist.

Sie schreibt aber auch, dass Kinder, die eine Zweitsprache erst zwischen 8 und 12 Jahren gelernt haben, selten als Nichtmuttersprachler wahrgenommen werden, weil sie sehr häufig dennoch akzentfrei sprechen. Lediglich wenn man spezielle Tests mit ihnen durchführt, bei denen sie sehr rasch antworten oder eine komplexe Aufgabe erfüllen und gleichzeitig sprechen sollen, dann merkt man, dass sie in ihrer Zweitsprache häufiger Fehler machen als Muttersprachler derselben Sprache.

Wer erst als Erwachsener ein „Beinahe-Muttersprachler“ einer Sprache wurde (z. B. durch Heirat oder Wohnortwechsel), der weiß, dass es schwieriger wird, die Zweitsprache zu sprechen, wenn man aufgeregt oder müde ist. Mir geht es da genauso. Alle diese Nachteile dürften für zweisprachig aufgewachsene Kinder nicht zum Tragen kommen.

In der Folge behandelt Zurer Pearson die Frage, ob es besser ist, beide Sprachen gleichzeitig zu lernen, oder ob mit der Zweitsprache (L2) gewartet werden sollte, bis die Erstsprache (L1) eingeführt ist. Mit diesem Thema werde ich mich nächste Woche befassen. Ich wünsche allen ein schönes Wochenende!


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Mein Baby, das Superhirn

Der erste Geburtstag des kleinen Prinzen steht praktisch vor der Tür. Selbstverständlich sind wir Erwachsenen viel aufgeregter als der Protagonist selbst – immerhin werde ich zum ersten Mal in meinem Leben versuchen, selbst eine Torte zu backen, in der Gewissheit, dass es Sohnemann noch relativ unberührt lassen wird, ob das Ding nun gekauft ist oder nicht, bzw. ob es überhaupt eine Torte gibt oder nicht. 🙂 Aber, Übung macht ja bekanntlich die Meisterin, und in unseren Kreisen wäre es ein Zeichen von Rabenmütterlichkeit, Geburtstagsbäckereien von Fremden anfertigen zu lassen.

Die vergangenen Nächte waren eine derartige Herausforderung, dass wir eigentlich ganz fest darauf eingestellt waren, für unseren permanenten Schlafentzug und unser Durchhaltevermögen mit mindestens fünf Zähnchen auf einmal belohnt zu werden. Umso größer war natürlich gestern die Enttäuschung, als wir EIN EINZIGES neues Zähnchen im Mund unseres Sohnes entdeckten. Da kann man nur froh sein, dass der kleine Prinz selbst noch nicht ahnt, wie oft ihm diese Schmerzen noch bevorstehen. Armer Zwuck!

Überraschenderweise habe ich dennoch heute in der Früh die Muße gefunden, in „Consigue que tu hijo sea bilingüe“ weiterzulesen. Es handelt sich dabei ja doch größtenteils um wissenschaftlich angehauchte Texte, und um diese mental verarbeiten zu können, ist schon eine gewisse Portion Energie und Aufnahmevermögen vonnöten. Barbara Zurer Pearson fasst im dritten Kapitel noch einmal kurz zusammen, wie das Gehirn von Babys strukturiert ist, um sich danach der Frage zu widmen, ob es für die Einführung einer Zweitsprache eine Art Deadline gibt.

Sie schreibt, dass das „linguistische Gehirn“ eines Kindes nicht, z. B. mit Englisch oder Chinesisch „vorinstalliert“ wird. Die Sprachzentren des Gehirns eines Babys sind vielmehr mit einer Art Generalsoftware ausgestattet und mit „Anschlüssen“ zu einem grammatikalischen Analysezentrum verbunden, das die Fähigkeit besitzt, die Strukturen zwischen Wörtern zu erkennen. Das Gehirn eines gesunden Babys ist ausgesprochen geschickt darin, die Muster dessen zu analysieren, was das Baby hört, und das Aufgenommene auf neue Wörter anzuwenden. Dieses angeborene LAD (language acquisition device; auf Deutsch etwa „Spracherwerbsvorrichtung“; ein von Chomsky geprägtes Modell) beinhaltet grundsätzlich Regeln und Strukturen, wie sie alle existierenden Sprachen verwenden. Die Aufgabe des Babys besteht darin, jene Informationen herauszufiltern, die es für „seine“ Sprachen benötigt.

Außerdem erklärt Zurer Pearson, dass die Gehirne von Babys doppelt so viel arbeiten wie die von Erwachsenen. Der Blutzuckerspiegel eines Babys steigt stetig, bis es 2 Jahre alt ist, und bis zum Alter von 9 Jahren ist er doppelt so hoch wie der von Erwachsenen. In den ersten fünf Jahren vernetzen sich die Nerven eines Kindergehirns viel häufiger, als es für ein erwachsenes menschliches Gehirn üblich ist. Gegen den fünften Geburtstag ungefähr reduziert das Gehirn diese Vernetzungen auf das Niveau eines Erwachsenen. Die ersten fünf Lebensjahre eines Menschen scheinen also für die Entwicklung des Gehirns von enorm großer Bedeutung zu sein.

Was unsere kleine Plaudertasche angeht, so spricht er immer häufiger Wörter nach. Zwei Wörter verwendet er bereits stets im Kontext: Er berührt mit dem Zeigefinger Papas Zähne und sagt „diente“; danach berührt er meine Zähne und sagt wiederum „diente“. Ich erwidere darauf: „Genau, dass ist mein Zahn.“ Ebenso verhält es sich mit seinem Trinkbecher. Er greift nach ihm und sagt „agua“. Ich erwidere dann, zum Beispiel: „Ja, in diesem Becher ist Wasser. Hast du Durst?“ Die beiden deutschen Wörter spricht er nicht nach, auch wenn ich sie nicht in einen Satz verpacke. Wie vorige Woche bereits erwähnt, sagt Sohnemann ab und an in der passenden Situation „Mama“ oder „Papa“ – mit deutscher Aussprache. Die Wörter „diente“ und „agua“ hingegen sind Spanisch …


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Bilinguale Erziehung – die Forschung zieht nach und belegt deutliche Vorteile

Bereits seit Jahren besteht, wie zuvor eingehend in Ammenmärchen und Tatsachen über zweisprachige Kinder Teil 1 und 2 erwähnt, ein ewiger Konflikt zwischen Eltern, Pädagogen und Wissenschaftlern bezüglich der Vor- und Nachteile einer bilingualen Erziehung. In den meisten Teilen des 20. Jahrhunderts beispielsweise überwogen die kritischen Stimmen allemal. Eine zweite Sprache sei ein Hindernis in der sprachlichen und akademischen Entwicklung des Kindes und beeinflusse langfristig die kognitiven Fähigkeiten, das Denken. Nichtsdestotrotz  werden in der heutigen Zeit die positiven und befürwortenden Aspekte  immer fundierter belegt. Ein Beispiel hierfür sind die Forschungsergebnisse einer in den USA durchgeführten Studie der Psychologen Ellen Bialystok und Michelle Martin-Rhee.

Ausgeprägte Sprachkenntnisse finden in unserer Welt stetig mehr Anklang. Auch auf Grund dessen wird die wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet der bilingualen Erziehung sowie der Sprachwissenschaften im Allgemeinen stets intensiver. Bialystok und Martin-Rhee waren mit die ersten Forscher überhaupt, die es schafften die Vorteile vom zweisprachigen Aufwachsen wissenschaftlich zu belegen. Alle vorhergegangenen Untersuchungen lagen keinesfalls falsch mit ihren Behauptungen bezüglich einer Beeinflussung der kognitiven Fähigkeiten. Denn es gibt in der Tat Beweise dafür, dass bei einem bilingualen Menschen beide Sprachsysteme im Gehirn zur gleichen Zeit aktiv sind, auch wenn nur eine Sprache benutzt wird. Dieses bedeutet, dass das Gehirn quasi in einen Konflikt gerät, da das eine Sprachsystem das andere beeinträchtigt. Jedoch ist diese Beeinträchtigung, wie Forscher belegten, im Nachhinein viel mehr ein Segen als ein Handicap. Das Gehirn wird gezwungen den internen Konflikt zu lösen, was langfristig dazu führt, dass die kognitiven Muskeln gestärkt werden.

Ellen Bialystok und Michelle Martin-Rhee belegten die Unterschiede der kognitiven Fähigkeiten zwischen einsprachig und zweisprachig aufgewachsenen Kindern in einem anschaulichen Versuch. Zwei Gruppen von Vorschülern – die eine ein-, die andere zweisprachig lebend – wurden gebeten eine Art mentales Puzzle zu lösen. Dieses beinhaltete das Einsortieren von blauen Kreisen und roten Vierecken, präsentiert auf einem Computer-Bildschirm, in zwei digitale Eimer, die mit einem blauen Viereck und einem roten Kreis gekennzeichnet waren.

Die erste Aufgabe bestand darin die Formen nach Farben zu sortieren, also die blauen Kreise in dem Eimer mit dem blauen Viereck und die roten Vierecke in dem Eimer mit dem roten Kreis zu platzieren. Beiden Gruppen fiel dieses vergleichsweise leicht.

Als nächstes wurden die Kinder gebeten nach Formen zu sortieren, eine schon schwierigere Aufgabe, da die entsprechenden Bilder nun in einen Eimer gehörten, der eine widersprüchliche Farbe trug. Den zweisprachig aufwachsenden Kindern gelang diese Aufgabe merklich schneller als der anderen Gruppe.

Im Allgemeinen belegen eine Reihe solcher oder ähnlicher Versuche, dass das zweisprachige Aufwachsen die sogenannte exekutive Funktion des Gehirns verbessert. Dieser Bereich unseres Kopfes ist unter anderem für unsere Aufmerksamkeitsspanne, Planungen, das Lösen von Problemen und andere mentale Prozesse zuständig. So beispielsweise auch für das Ignorieren von Ablenkungen um die Konzentration beizubehalten, die eigene Aufmerksamkeit von einer Sache zur nächsten zu lenken oder auch das eigene Merkvermögen – beispielsweise das Merken verschiedener Wege und Richtungen während des Autofahrens.

Als Fazit bleibt also zu sagen, dass vielfältige Sprachkenntnisse, welche bereits im Kindesalter erlangt wurden, auch über die offensichtlichen Vorteile hinaus förderlich sind und die eigenen mentalen Fähigkeiten langfristig geschärft und unterstützt werden.

Es ist jedoch nicht zwingend nötig, dass die Zweisprachigkeit des Kindes durch zwei unterschiedliche Muttersprachen der Eltern erreicht wird. Es gibt es auch viele andere Wege, damit Ihr Kind eine zweite Sprache auf hohem Niveau lernt. Weitere Informationen zu intensivem Englisch-Sprachtraining, Sprachkursen und -reisen gibt es unter anderem hier: Sprachaufenthalte in England.

(Gastbeitrag von Maria Kirscher, www.oise.de)