Zweisprachig im Spektrum

Zweisprachigkeit und Autismus


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Man kann nicht nicht kommunizieren. Oder doch?

Sprache und damit auch Kommunikation sind ganz wichtige Grundpfeiler für die Teilhabe in einer Gesellschaft. Mit Kommunikation ist es möglich, zwischenmenschliche Probleme zu lösen, Gemeinsamkeiten zu finden und zu genießen, oder sich einfach zu unterhalten, auszutauschen.

Autismus ist eine tiefgreifende Beeinträchtigung der Kommunikations- und Interaktionsfähigkeit – und diese wirkt sich im Zusammenleben sehr einschneidend aus. In jenen Fällen, in denen der Beziehungsaufbau beiden Seiten sehr schwer fällt, fehlt es Menschen im autistischen Spektrum auch häufig an adäquaten Übungsmöglichkeiten. Da ihre Beeinträchtigung nicht sichtbar ist, wird sie mitunter auch von anderen nicht so mitfühlend wahrgenommen wie z. B. die Fehlbildung eines Körperteils, und damit bleibt die Empathie für die erschwerende Lebenssituation nicht zu selten aus. Menschen mit autistischer Wahrnehmung müssen sich sehr vieles hart erarbeiten und mit unheimlich vielen Wiederholungen lernen, was andere bereits im Kleinkindalter „im Vorbeigehen“ aufsaugen. Vieles empfinden sie als unverständlich, als verwirrend. Sie brauchen im Vergleich zu neurotypischen Personen viel mehr Ruhephasen, denn ihr Leben ist sehr viel anstrengender für sie, als man sich das vorstellen könnte.

Für den heutigen Blogartikel musste ich an das berühmte Zitat Watzlawicks denken. „Man kann nicht nicht kommunizieren“. Hm. Kann man nicht?

Ich beobachte meinen wunderbaren kleinen Prinzen. Er ist ein Sonnenschein von einem Kind, obwohl er gerade eine schmerzhafte Mittelohrentzündung durchmacht, bei der ihm sogar das Trommelfell in einem Ohr gerissen ist. Von seiner Reaktion her (anderes Schmerzempfinden?) dachte ich, er hätte Magenkrämpfe, denn „gesagt“ hat er mir nur, dass er „schlafen“ möchte, als er mitten in der Nacht mehrmals weinend aufgewacht war.

Der kleine Prinz kann sprechen. Deutsch und Spanisch, und teilweise auch ein bisschen Englisch. Er spricht sogar sehr gern. Er singt bei Liedern mit, er hat schon als kleinster Zwerg ganze Bilderbuchtexte auswendig gekannt, er spricht bei seinen Lieblingssendungen mit, und seit langer Zeit schon liebt er Frage-Antwort-Spiele, auch Vokabelabfragen zwischen den beiden Sprachen. Er versteht den Inhalt der Fragen im Spiel und antwortet darauf korrekt. Neue Inhalte muss man ihm im Zuge solcher Frage-Antwort-Spiele auch nur ein einziges Mal präsentieren, schon sitzen sie. Ebenso verhält es sich mit bloßer Abfrage von Substantiven (Dinge, Tiere, Pflanzen, Körperteile etc.) oder Personen. Besonders lustig findet er diese Spiele, wenn man zuerst einen Unsinn behauptet (z. B. „Der Kongo liegt in Europa.“). Dann guckt er einen ganz verschmitzt an und meint „Geh! Der Kongo liegt in Afrika.“ Bei uns ist diese Art der „etwas anderen Kommunikation“ ein sehr toller Weg, um das Wissen des kleinen Prinzen zu erweitern und um gemeinsam Spaß zu haben. Das funktioniert auf Deutsch ebenso wie auf Spanisch. Der kleine Prinz scheint sich ohnehin immer alles gleich für beide Sprachen abzuspeichern, ganz im Gegenteil zur kleinen Fee, die auf Deutsch schon wirklich toll spricht, auf Spanisch jedoch weniger.

Schwieriger wird es beim kleinen Prinzen jedoch dann schon mit Aussagen, die wirklich rein der zwischenmenschlichen Kommunikation dienen. Schon früh hatten wir bemerkt, dass der kleine Prinz nicht „Ja“ oder „Nein“ antwortet, wenn wir ihn etwas fragten. Beispiel: „Möchtest du Apfelsaft?“ wurde anfangs mit „Apfelsaft“, später dann mit „Möchtest du Apfelsaft.“ beantwortet. Nur die Intonation verriet, dass es bejahend gemeint war. Erst das liebevoll-konsequente Einüben von „Ja, bitte“ und „Nein, danke“ hat hier Abhilfe geschaffen, und das erst nach dem Bewusstsein, dass die autistische Wahrnehmung der Grund für diese Schwierigkeiten ist. Auch Begrüßen und Verabschieden sind heute möglich, wenngleich sie noch nicht immer von selbst kommen. Ebenso funktionieren mittlerweile das Bitten nach einem Spiel oder Buch, einer CD, einer DVD, der Wunsch schlafen zu gehen, die Bitte nach Hilfe (z. B. beim An- oder Ausziehen, auf dem WC, etc.). Auch kann er bereits erzählen, dass er oder jemand anderes traurig ist oder Spaß hat und lacht – gerade mit eigenen und fremden Gefühlen haben die meisten autistischen Menschen ja so ihre Probleme. Ich bin unendlich stolz auf ihn, dass er trotz seiner speziellen Wahrnehmung in der kurzen Zeit schon so vieles gelernt hat. Ganz selten präsentiert er sogar spontane Aussagen, über die sich dann alle Anwesenden extrem freuen, besonders jene, die von ihm erwähnt werden (egal ob im Kindergarten, bei den Nachbarn, in der Familie oder bei Freunden).

Im Grunde trifft Watzlawicks Aussage also schon auch auf autistische Menschen zu. Es ist ja nicht so, als würde der kleine Prinz mit seinen geliebten Spielen gar nicht kommunizieren. Er tut es eben auf eine Art, die man als neurotypische Person erst als Kommunikation – und als zwischenmenschliche Bereicherung – annehmen und schätzen lernen muss. Seit ich das kann, habe ich sehr viel zurückgewonnen. Die Lebensfreude zum Beispiel, den Stolz auf das eigene Kind, die Vorfreude auf die Zukunft. Und ganz nebenbei hat mir der kleine Prinz schon mehr als ein Mal die Augen geöffnet und gezeigt, worum es im Leben wirklich geht, und dass „anders“ beim besten Willen nicht „schlecht“ bedeutet.

 


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Sprache und Musik

Im letzten Blogartikel habe ich darüber geschrieben, dass sich visuelle Unterstützung im Hinblick auf Sprache sehr positiv auf die Entwicklung des kleinen Prinzen auswirkt und im Vorfeld meine eigene Interpretation dafür dargestellt, weshalb Menschen mit autistischer Wahrnehmung (wahrscheinlich) so vieles so schwer fällt und sie einfach extra-viel Wohlwollen, Geduld, Zeit, Motivation und Verständnis benötigen.

Nicht nur die visuelle Schiene stellt für den kleinen Prinzen eine ausgezeichnete Hilfe dar, sondern auch Musik. Noch bevor überhaupt von einer Diagnose die Rede war, wussten wir, wie gut der kleine Prinz auf musikalisches Angebot im Allgemeinen reagiert. Unheimlich rasch kannte er alle möglichen Liedertexte auswendig, „bestellte“ sich das jeweilige Lieblingslied beim Einschlafen, tanzte, hüpfte oder lief voller Begeisterung durch das Wohnzimmer, wenn Papi wieder eine seiner Latino-Rock-CDs in die Stereoanlage legte. So, wie neurotypische Kinder – wie z. B. die kleine Fee – durchaus auch von visuellen Stützen profitieren (sie kann mit ihren kaum 26 Monaten schon sehr gut Erlebtes anhand des Wochenplans nacherzählen bzw. Bevorstehendes ankündigen), kommt ihnen ebenfalls die nachfolgend vorgestellte Idee zu Gute. Kurzer Exkurs: Ganz allgemein habe ich irgendwo einmal gelesen, dass von den Tipps für den Umgang mit autistischen Kindern auch neurotypische Kinder nur profitieren können. Begriffe wie Glasglocke oder Helikoptereltern sind in meinen Augen regelrechte Ekelwörter, die ich nur deshalb hier verwende, um sie mit meinen Erfahrungswerten zu entkräften. Aber nun zum eigentlichen Kern des Artikels: Sprache und Musik.

Eine grundlegende Hürde stellt es für viele Kinder aus dem Autismus-Spektrum dar, mit anderen Personen zu interagieren, Anweisungen zu befolgen, zu verstehen, was von ihnen verlangt wird und es dann in die Praxis umzusetzen. Auch der Wechsel von einer Situation in eine nächste ist häufig mit sehr viel Ungewissheit und damit Ablehnung seitens des Kindes verbunden. Im normalen Familien-Alltag tauchen da ganz viele Situationen auf, in denen ein gewisses Konfliktpotential schlummert, wenn man nicht weiß, wie das Kind tickt: der Gang auf die Toilette, Wegräumen von Spielsachen, Baden gehen, Schlafen gehen … Diese Liste ließe sich natürlich unendlich fortführen.

Es hat nicht lange gedauert, bis mir die Idee kam, gewisse Anweisungen oder Aufforderungen einfach in kleine Lieder zu verpacken, damit sie auch „ankommen“. Und siehe da: wo ich zuvor geschätzt hundert Mal – ohne positive Erledigung – sagen hätte können, was nun zu tun ist, funktioniert es auf Anhieb, wenn ich dies einfach singe. Wir haben seither ein extra Lied nach dem Abendessen für die Einleitung des Abendrituals, eines extra für den Ablauf des Zähneputzens, ein Lied fürs Aufräumen, ein Lied fürs Tischabwischen, eines für die Badewanne, eines zum Klogehen. Da letzteres dem kleinen Prinzen (noch vor Diagnosevermutung!) verhältnismäßig schwer fiel, gab es hierzu sogar noch eine spezielle Tanz-Show-Einlage von Mami (und manchmal sogar von Papi). Grundsätzlich sind diese Lieder übrigens auf Deutsch, aber ich habe schon ein paar Mal gehört, wie Papi sie brav ins Spanische übertragen hat – weil der Erfolg einfach so klar auf der Hand liegt, und zwar bei beiden Kindern. Also, liebe Eltern – denkt an die Worte von Enrico aus Am Dam Des (ha, kann sich noch jemand an diese Sendung erinnern?): „Ich sag‘ nichts, ich singe viel, viel lieber!“ Frohe Ostern allerseits!


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Sprache und Visualisierung

Im Zuge des Spracherwerbs arbeiten bei allen Menschen – egal ob mit neurotypischer oder autistischer Wahrnehmung – verschiedene Sinne zusammen. Ganz intuitiv zeigt man einem kleinen Kind natürlich Gegenstände, damit es diese benennen lernt, man zeigt ihm Bewegungen, Handlungen, Empfindungen, damit sich das Kind selbst davon ein Konzept machen und den Begriff ganzheitlich in den eigenen Wortschatz integrieren kann. Nun stecken in der zwischenmenschlichen Kommunikation jedoch nicht nur „greifbare“ visuelle oder problemlos erklärbare Inhalte, sondern alles – und zwar wirklich alles – hat auch eine soziale Komponente, die mehr oder weniger stark mitschwingt. Das macht das Werkzeug Sprache für Menschen im Autismus-Spektrum zu einer unheimlichen Herausforderung, denn die zwischenmenschlichen Codes erschließen sich ihnen nicht so einfach wie anderen. Sie müssen sie sich hart erarbeiten. Wenn der Faktor der Intuition wegfällt, dann ist das Leben wirklich sehr kompliziert! Einem neurotypischen Menschen fällt es in der Regel schwer sich das vorzustellen, weil es auf den ersten Blick schlicht unmöglich scheint, dass es Menschen gibt, denen dieses Feature nicht mitgegeben wurde. Beobachtet man jedoch das Verhalten –  wie beispielsweise des kleinen Prinzen – über einen längeren Zeitraum hinweg, dann wird es ganz deutlich, wie sehr diese Einschränkung den Alltag behindert. Vor allem im direkten Vergleich mit der neurotypischen kleinen Fee ist das ganz klar zu erkennen. Das Zusammensein mit anderen und die Bemühungen herauszufinden, was denn wann und wie getan und gesagt oder nicht getan und nicht gesagt werden soll oder darf oder muss erfordert sehr viel Kopfarbeit, da bleibt vieles andere vorerst einmal auf der Strecke. Mit visueller Unterstützung kann man dem betroffenen Menschen aber gut helfen. Deshalb ist UK (Unterstützte Kommunikation) für Menschen aus dem Autismus-Spektrum eine ganz tolle Chance! Das, und ein geduldiges, wohlwollendes Umfeld.

Der kleine Prinz spricht ja prinzipiell, aber auf kommunikative Weise nur in sehr auserwählten und gut einstudierten Situationen – aber dafür in beiden Sprachen. Einfacher fällt es ihm da schon, Dinge zu benennen, das tat er schon immer sehr gern, und er dolmetscht auch die einzelnen Begriffe von der einen in die andere Sprache. Doch auch in der expressiven, kommunikativen Sprache erarbeitet er sich stets mehr Terrain. So wies er unlängst den fauchenden Kater seines Taufpaten in die Schranken, indem er ihm ein bestimmtes „Nicht pfraur“ widmete, und bat die kleine Schwester mit einem perfekten „Bitte, [Name-der-Schwester], sekkier mich nicht!“ ihn nicht an der Pyjamahose festzuhalten. Um ihm alle Chancen zu bieten, die zur Verfügung stehen, habe ich nun das Thema UK für uns gewonnen und zusätzlich zu unserem bebilderten Wochenplan erst einmal auf dem iPad ein Ich-Buch erstellt. Morgen steht der zweite Termin mit unserer Logopädin an, sie war gleich sehr begeistert von GoTalkNow. Als ich gestern die ersten Seiten des Ich-Buchs mit dem kleinen Prinzen durchgegangen bin, staunte ich nicht schlecht! Er drückte die Buttons ein Mal, und beim nächsten Mal sprach er den Text schon nach. Sein Erinnerungsvermögen ist wirklich sehr bewundernswert, vor allem in Kombination mit visueller Stütze oder auch in Kombination mit Musik, aber dazu mehr in einem eigenen Eintrag.


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Eineindeutig kommunizieren – der perfekte Terminologe

Der dritte Tag im schönen, sonnigen Quito ist bereits angebrochen, und die Strapazen des Langstreckenflugs waren rasch vergessen. Der kleine Prinz hat den Flug sehr gut gemeistert, die kleine Fee mit ihrem ausgeprägten Temperament war da schon mehr Herausforderung. Da sie aber außer einem markanten Dickschädel auch ein ausgesprochen süßes Lächeln hat, waren die anderen Fluggäste gar nicht wirklich genervt von ihren Showeinlagen. So richtig geschlafen haben beide Kinder eigentlich erst gut eine Stunde vor der Landung, Mami überhaupt nicht.

Für den Flug hatten wir zum Glück an kleine gewohnte Snacks gedacht, denn der kleine Prinz hat von der Flugzeugverpflegung lediglich den Orangensaft akzeptiert. Die kleine Fee hat zwar alles probiert, aber dann auch dankend (oder auch nicht) abgelehnt. Im Haus der Großfamilie angekommen, fühlten sich beide Kinder auf Anhieb wohl und essen überraschenderweise auch praktisch alles. Der kleine Prinz war ja bereits zwei Mal hier, für die kleine Fee ist es der erste Urlaub bei Papis Familie. Man merkt schon jetzt, dass die kleine Fee hier mehr Spanisch spricht, der kleine Prinz hält sich auch auf dieser Seite des Ozeans eher zurück und spricht hauptsächlich mit mir, oder wenn ich ihn darum bitte, auch mal mit anderen. Er fühlt sich aber gut angenommen und wohl, und darum geht es doch in erster Linie in der Familie.

Eine der auffälligsten Besonderheiten in der Sprache des kleinen Prinzen ist wohl die Eineindeutigkeit, mit der er Begriffe und Benennungen abspeichert, dicht gefolgt von seiner Angewohnheit, jeden Begriff gleich in beiden Sprachen festzulegen. Mit Über- oder Unterbegriffen und Kategorien hat er da überhaupt keine große Freude. Wer ihm zu wenig exakt kommuniziert, wird angeraunzt ;-). Als Ausnahme gilt hier, wenn wir unser „Wir sagen Blödsinn“-Spiel spielen, bei dem wir absichtlich etwas falsch bezeichnen. Im Grunde genommen ist er mit diesem hohen Anspruch der eineindeutigen Begriffsbelegung also der perfekte Terminologe. Vielleicht wird die Terminologiewissenschaft ja sogar einmal ein denkbares Berufsfeld für den kleinen Prinzen? Weit hergeholt, das ist mir klar, immerhin ist er erst 4, aber man macht sich halt so seine Gedanken.

So darf in der Regel zum Beispiel der Clownfisch (pez payaso) auf keinen Fall nur als Fisch bezeichnet werden, und ein Boot nicht als Schiff, eine Banane nicht als Obst und eine Schnitte nicht als Süßigkeit. Wenn wir gemeinsam in einem Buch lesen, ist das ja noch kein großes Hindernis, wenn er jedoch ein Bedürfnis kommuniziert oder ich ihm etwas zu essen oder trinken anbiete, dann kann hier schon mal ein Missverständnis auftreten. Fragt er mich beispielsweise nach einem Mangosaft und ich antworte ihm „Selbstverständlich, ich bring dir deinen Saft gleich“, dann ist in 9 von 10 Fällen Frust angesagt. Saft ist für ihn einfach nicht gleich Mangosaft, und er fürchtet, dass ich ihm dann doch einen anderen Saft unterjubeln möchte.

Nun habe ich schon mit dem Gedanken gespielt, dass ich mich hier einfach mehr an der Nase nehmen und korrekter formulieren muss, allerdings fürchte ich, dass ich dem kleinen Prinzen damit für die Zukunft keinen großen Gefallen mache. Immer wieder wird er in Situationen kommen, wo andere mit ihm eben so „schwammig“ kommunizieren.

Also werde ich ihm mit Hilfe von UK (Unterstützter Kommunikation) auf dem iPad und den tollen Apps, die wir nun angeschafft haben, die Kategorien und Begriffe der wichtigsten Alltagsdinge visuell darstellen. Ich bin gespannt, wie und vor allem wann das fruchtet und werde hier berichten.


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Nachgeholte Babysprache

Ein neues Jahr hat begonnen. Bestimmt wird es wieder ein spannendes Jahr, ein Jahr mit vielen Höhen, aber auch Tiefen, ein Jahr mit Herausforderungen, ein Jahr mit Erfolgen, ein Jahr mit Niederschlägen. Ich wünsche allen, dass die positiven Erlebnisse überwiegen mögen, denn aus ihnen zieht jeder für sich doch im Grunde die nötige Energie für die nächste Hürde.

Die kleine Fee und der kleine Prinz sind der tollste Lebensinhalt, den man sich vorstellen kann. Jeder der beiden hat eine einzigartige Persönlichkeit, die sich in kein Schema pressen lassen will, und zusammen sind sie für mich als Mutter das allerherrlichste Geschwistergespann, wenngleich sie mich in regelmäßigen Abständen an und über die Grenzen meiner nervlichen Kapazitäten bringen. Im Grunde sprechen die beiden miteinander Deutsch. Nun steht eine erneute Reise nach Südamerika auf dem Programm, und ich bin gespannt, wie sich die Dinge dort verhalten. Die kleine Fee fliegt zum ersten Mal dorthin, der kleine Prinz bereits zum dritten Mal.

Die keine Fee: zuckersüßes Monstermädchen, das mit ihren 23 Monaten schon genau weiß, was sie will, und wie sie es bekommt. Sie redet wie ein Wasserfall – vorrangig Deutsch – und meine Babysprachenliste (die ich beim kleinen Prinzen nie anlegen konnte, weil er niemals in Babysprache gesprochen hat, wobei er jetzt häufig liebevoll die Babysprache der Schwester imitiert) nimmt schon ganz anständige Dimensionen an. Alles, was sie tut, kommentiert sie dem Bruder – vielleicht hat sie sich das von mir abgeschaut? Und alles will sie selber machen. Mit einem autistischen Bruder aufzuwachsen ist bestimmt nicht das einfachste, das es auf dieser Welt gibt. Die kleine Fee erfüllt ihre Rolle mit viel Liebe und Stolz, und mit der nötigen Portion Egoismus, um selbst nicht unterzugehen. Sie ist noch klein und kopiert vieles von seinem Verhalten, dennoch schafft sie es immer wieder, auch ihm ein Vorbild zu sein, zum Beispiel beim fantasievollen Rollenspiel. Natürlich werden die Kinder von uns Eltern gleich behandelt, da gibt es keine Unterschiede. Aufgrund der Tatsache, dass der kleine Prinz zwischenmenschliche Regeln und soziale Normen allgemein noch nicht so gut entschlüsselt hat, kommt es einfach immer wieder zu Reibungspunkten, ganz besonders oft mit der kleinen Fee, die ihn permanent abschmusen, umarmen, mitunter auch zwicken oder beißen will, und die aus Prinzip genau das braucht, was er gerade in den Händen hält oder genau da sitzen muss, wo er gerade sitzt, notfalls auf ihm. Er kann sich dagegen noch nicht altersgemäß behaupten und bricht meist in Tränen aus. Wenn sein Fass voll ist, wird die kleine Schwester auch immer wieder mal geschubst.

Dann sieht sie ihn vorwurfsvoll an und meint in ihrer süßen Babysprache: „[Bruder], net de [Schwester] subsen!“ Das findet der kleine Prinz dann offenbar so zuckersüß, dass er es selbst wiederholt, und zwar exakt in derselben Aussprache, und immer wieder die kleine Fee schubst, wohl um es noch einmal zu hören. Verlässliche Reaktionen auf Handlungen sind für autistische Kinder einfach ein Segen, denn dann ist einmal nicht alles nur Chaos, sondern wirklich vorhersehbar. Natürlich lässt man dieses Spiel nicht lange zu, spätestens wenn es der kleinen Fee zu viel wird und sie sich nicht alleine aus der Situation ziehen kann, muss ein Erwachsener einschreiten.

Der kleine Prinz, der seine kleine Schwester sichtlich liebt, muss immer schmunzeln, wenn sie eines ihrer süßen Dinge sagt, und meint dann: „ Die [Schwester] sagt Tuz“ (statt Zug) oder er wiederholt mit einem Lächeln „Fats“ wenn sie sich einen Saft bestellt hat … 😉


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Stille Wasser sind tief …

Eine Redewendung, die mir in den letzten Tagen ganz besonders oft in den Sinn kam. Denn der kleine Prinz ist ein Wahnsinn. Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass Autisten einfach sehr viel Zeit „in sich selbst“ verbringen, und ich glaube, „da drin“ steppt der Bär, echt.

Als mir vor gut einem Jahr bewusst geworden war, dass der kleine Prinz ein wenig anders tickt, bekam ich plötzlich eine ganz unangenehme Art von Panik und kaufte haufenweise Spielsachen zur Förderung von diesem und jenem, darunter auch eine Menge Lernspiele von Haba. Die sind zwar für kleinere Zwerge, aber der kleine Prinz spielt sie noch immer recht gern, er bittet sogar sehr oft darum, denn ich habe alle hinter einer verschlossenen Tür verstaut, damit er viele Kommunikationserfolge haben kann (ich frage nach etwas und bekomme es). Mit zwei dieser Spiele hatten wir in den vergangenen Tagen so tolle Erlebnisse!

Er hat zum Beispiel die Figuren des Fädelspiels allesamt aufgefädelt, sogar nach Vorlage, und als er fertig war, standen da 10 Figürchen vor ihm auf dem Tisch. Plötzlich beginnt er, mit dem Finger die Figuren abzuzählen – von 1 bis 10. Wir haben uns alle so gefreut, und das wiederum hat den kleinen Prinzen so, so glücklich gemacht! Ein paar Mal hat er es dann noch wiederholt, und er war richtig vergnügt darüber, uns so froh zu sehen. Als der Papa dann versuchte, ob er das auf Spanisch auch machen möchte, ist er zwar nicht auf den Zug aufgesprungen, aber ich bin mir (jetzt) fast sicher, dass er es kann. An einem anderen Tag wiederum hat er um das Steckspiel gebeten und hat während des Spielens alle Farben benannt – auch Abstufungen (pink, hellblau, hellgrün, türkis …).

Außerdem stellen wir stolz fest, dass die verbale Kommunikation des kleinen Prinzen immer besser wird, in beiden Sprachen. Seit einer gefühlten Ewigkeit schon habe ich es mir angewöhnt, in ganz kurzen Sätzen mit ihm zu sprechen, wenn er etwas tun (oder lassen) soll. Die Struktur meiner Aufforderungen ist auch immer sehr ähnlich. Ich glaube, dass ihm das hilft, seine Bedürfnisse selbst zu formulieren, obwohl er vielleicht gerade gestresst/müde/hungrig/durstig ist oder von einem anderen Gefühl abgelenkt oder gereizt wird. Manchmal kann ich ihn sogar noch aus einem angehenden Wutausbruch retten, wenn ich ihm die ersten zwei bis vier Wörter vorsage, damit er sein Bedürfnis nur noch vervollständigen muss. Das funktioniert wirklich häufig sehr gut!

Als Krönung zieht sich der kleine Prinz seit einigen Tagen immer ganz alleine um zum Schlafengehen und bringt danach sogar seine Schmutzwäsche in den Schmutzwäschekorb im Badezimmer. Die kleine Fee macht es ihm dann ganz brav nach. Da lacht das Mutterherz, mit so tollen Kindern!


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Ich mag dich, und ich „quatsch“ mit dir!

Zum Thema Quatschwörter habe ich ja schon so einiges in diesem Blog geschrieben. Nur habe ich in den letzten Wochen eine weitere Erkenntnis erworben – schon wieder im Zusammenhang mit den Quatschwörtern, die der kleine Prinz so liebt.

Er hat nämlich in der Tat für JEDE Person EIGENE Quatschwörter. Keinesfalls soll das heißen, dass er mit seinen Quatschwörtern verschwenderisch umgeht, ganz im Gegenteil. Ein Quatschwort bekommt nur ein sehr auserwählter Kreis an Personen. Manche Leute lernt er kennen, die scheinen ihm auf Anhieb sympathisch zu sein und erhalten sofort ein Quatschwort „zugeteilt“. Wenn sie dann ebenso rasch auf sein Spiel einsteigen, dann könnte der kleine Prinz glückseliger nicht sein. (Witziges Detail am Rande: wenn die kleine Fee den großen Bruder so fröhlich sieht, macht sie natürlich auch gleich mit und lacht quietschvergnügt.)

Egal, wie lange der kleine Prinz diese Person dazwischen nicht sieht, er erinnert sich sofort wieder an das Quatschwort. Seine Auswahl reicht von „Al-ko-fe-di“ über „Chip-Chap“ bis hin zu „Da-Da“ oder „Man sieht sich“, es sind also auch durchaus welche mit neurotypischer Bedeutung dabei – ich schreibe hier neurotypisch extra dazu, weil ich mir sicher bin, dass für den kleinen Prinzen jedes seiner Wörter eine besondere Bedeutung hat. Auch baut er die Namen von Menschen, die einen guten Eindruck bei ihm hinterlassen haben, in sämtliche seiner Aktivitäten ein, z. B. „Die [NameseinerGroßtante] hat auch ein Rindfleisch.“, bzw. „Die [NamederErzieherin] geht auch schlafen.“

Übrigens hat er in der Zwischenzeit auch mit seinem Papi solche Spiele. Die ständige Wiederholung der Aussagen und die relativ gleichen oder zumindest ähnlichen Antworten/Reaktionen sind für den kleinen Prinzen Elemente, die ihm Sicherheit geben. Sozusagen ein kleiner zusätzlicher Anker in einer Welt, die er ohne Reizfilterung und mit seiner speziellen Informationsverarbeitung bestimmt als sehr chaotisch und unberechenbar erlebt. Auch seine Zweisprachigkeit scheint für ihn so etwas zu sein. Sehr häufig benennt er Dinge in beiden Sprachen und fügt dann hinzu – „Das ist Spanisch. Der Papi spricht Spanisch.“

P.S.: Mir fällt nun immer deutlicher auf, wie perfekt die Aussprache des kleinen Prinzen von Anfang an war. Für die kleine Fee habe ich schon eine ganze Liste an herziger Babysprache, so etwas kenne ich vom kleinen Perfektionisten-Prinzen überhaupt nicht. Damit keine Missverständnisse aufkommen – ich finde beides toll. 😉