Zweisprachig im Spektrum

Zweisprachigkeit und Autismus


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Sprache und Musik

Im letzten Blogartikel habe ich darüber geschrieben, dass sich visuelle Unterstützung im Hinblick auf Sprache sehr positiv auf die Entwicklung des kleinen Prinzen auswirkt und im Vorfeld meine eigene Interpretation dafür dargestellt, weshalb Menschen mit autistischer Wahrnehmung (wahrscheinlich) so vieles so schwer fällt und sie einfach extra-viel Wohlwollen, Geduld, Zeit, Motivation und Verständnis benötigen.

Nicht nur die visuelle Schiene stellt für den kleinen Prinzen eine ausgezeichnete Hilfe dar, sondern auch Musik. Noch bevor überhaupt von einer Diagnose die Rede war, wussten wir, wie gut der kleine Prinz auf musikalisches Angebot im Allgemeinen reagiert. Unheimlich rasch kannte er alle möglichen Liedertexte auswendig, „bestellte“ sich das jeweilige Lieblingslied beim Einschlafen, tanzte, hüpfte oder lief voller Begeisterung durch das Wohnzimmer, wenn Papi wieder eine seiner Latino-Rock-CDs in die Stereoanlage legte. So, wie neurotypische Kinder – wie z. B. die kleine Fee – durchaus auch von visuellen Stützen profitieren (sie kann mit ihren kaum 26 Monaten schon sehr gut Erlebtes anhand des Wochenplans nacherzählen bzw. Bevorstehendes ankündigen), kommt ihnen ebenfalls die nachfolgend vorgestellte Idee zu Gute. Kurzer Exkurs: Ganz allgemein habe ich irgendwo einmal gelesen, dass von den Tipps für den Umgang mit autistischen Kindern auch neurotypische Kinder nur profitieren können. Begriffe wie Glasglocke oder Helikoptereltern sind in meinen Augen regelrechte Ekelwörter, die ich nur deshalb hier verwende, um sie mit meinen Erfahrungswerten zu entkräften. Aber nun zum eigentlichen Kern des Artikels: Sprache und Musik.

Eine grundlegende Hürde stellt es für viele Kinder aus dem Autismus-Spektrum dar, mit anderen Personen zu interagieren, Anweisungen zu befolgen, zu verstehen, was von ihnen verlangt wird und es dann in die Praxis umzusetzen. Auch der Wechsel von einer Situation in eine nächste ist häufig mit sehr viel Ungewissheit und damit Ablehnung seitens des Kindes verbunden. Im normalen Familien-Alltag tauchen da ganz viele Situationen auf, in denen ein gewisses Konfliktpotential schlummert, wenn man nicht weiß, wie das Kind tickt: der Gang auf die Toilette, Wegräumen von Spielsachen, Baden gehen, Schlafen gehen … Diese Liste ließe sich natürlich unendlich fortführen.

Es hat nicht lange gedauert, bis mir die Idee kam, gewisse Anweisungen oder Aufforderungen einfach in kleine Lieder zu verpacken, damit sie auch „ankommen“. Und siehe da: wo ich zuvor geschätzt hundert Mal – ohne positive Erledigung – sagen hätte können, was nun zu tun ist, funktioniert es auf Anhieb, wenn ich dies einfach singe. Wir haben seither ein extra Lied nach dem Abendessen für die Einleitung des Abendrituals, eines extra für den Ablauf des Zähneputzens, ein Lied fürs Aufräumen, ein Lied fürs Tischabwischen, eines für die Badewanne, eines zum Klogehen. Da letzteres dem kleinen Prinzen (noch vor Diagnosevermutung!) verhältnismäßig schwer fiel, gab es hierzu sogar noch eine spezielle Tanz-Show-Einlage von Mami (und manchmal sogar von Papi). Grundsätzlich sind diese Lieder übrigens auf Deutsch, aber ich habe schon ein paar Mal gehört, wie Papi sie brav ins Spanische übertragen hat – weil der Erfolg einfach so klar auf der Hand liegt, und zwar bei beiden Kindern. Also, liebe Eltern – denkt an die Worte von Enrico aus Am Dam Des (ha, kann sich noch jemand an diese Sendung erinnern?): „Ich sag‘ nichts, ich singe viel, viel lieber!“ Frohe Ostern allerseits!