Zweisprachig im Spektrum

Zweisprachigkeit und Autismus


Hinterlasse einen Kommentar

Was tun, wenn das Kind die zweite Sprache verweigert?

Egal, für welche Strategie sich eine Familie entschieden hat, Barbara Zurer Pearson rät zweisprachig erziehenden Eltern, sich von Anbeginn an innerlich darauf vorzubereiten, dass das Kind zu irgendeinem Zeitpunkt mit besonderem Nachdruck dazu motiviert werden muss, die zweite Sprache weiterhin zu verwenden.

Vielleicht wird sich der kleine Prinz eines Tages an seinen Vater wenden und verlangen: „Bitte sprich Deutsch!“ Vielleicht wird er sich auch einfach weigern, auf Spanisch zu antworten. Oder seine negative Einstellung gegenüber der schwächeren Sprache drückt sich eben anders aus – möglicherweise verlässt er sogar den Raum und hält sich die Ohren zu, wenn Spanisch gesprochen wird.

Wichtig ist zu wissen, dass das ganz normal ist! Zurer Pearson schreibt, dass die meisten befragten Eltern solche oder ähnliche Verhaltensweisen erlebt haben. Die schwächere Sprache ist eben verletzlich.

Ganz ausschlaggebend ist in diesem Zusammenhang, wie die Eltern mit dieser Situation umgehen und darauf reagieren. Steter Tropfen höhlt den Stein. Elizabeth Lanza (Spezialistin für Psycholinguistik und selbst zweisprachig erziehende Mutter) schlägt fünf Antwortstrategien vor – ich habe sie auf unsere Situation ausgelegt:

  1. No entiendo. (= Ich verstehe dich nicht.)
  2. ¿Has dicho XY? (= Meintest du XY?)
  3. Was das Kind gesagt hat in der schwächeren Sprache (Spanisch) wiederholen. (Und eventuell eine Frage stellen, damit das Kind die Botschaft auch auf Spanisch sagt.)
  4. Kommentarlos auf Spanisch weitersprechen.
  5. Mit dem Kind auf Deutsch weitersprechen.

Zurer Pearson warnt davor, mit dem Kind einen Streit zu beginnen – diesen würde man mit ziemlicher Sicherheit verlieren. Auf jeden Fall sollte man das Kind nicht offen rügen, wenn es der schwächeren Sprache ausweicht, also besser: „Ich freue mich so sehr, wenn du mir in meiner Sprache antwortest!“ anstatt: „Du solltest nur Spanisch mit mir sprechen.“ Zurer Pearson empfiehlt aber eher, das Kind indirekt zur gewünschten Sprache zu führen und kein Drama daraus zu machen, dass das Kind die schwächere Sprache vermeidet oder gar verweigert. Vielmehr sollte man sich darauf konzentrieren, dem Kind zu vermitteln, wie einzigartig es durch seine Zweisprachigkeit ist.

Ganz allgemein sagt Zurer Pearson, dass man es zwar ernst nehmen muss, wenn das Kind die Sprache verweigert, dass das aber keinesfalls gleich das Ende der Zweisprachigkeit bedeutet.

Was den kleinen Prinzen anbelangt, so ist für ihn derzeit noch Deutsch die eher schwächere Sprache, denn Spanisch sprechen mein Mann und ich zu Hause, und es wird konsequent und mit nur wenigen Ausnahmen täglich mit Ecuador geskypt. Außerdem hat sich Papa als passionierter Vorleser herausgestellt – selbst wenn Deutsch dran ist, gibt es häufig noch eine spanische Gutenachtgeschichte oben drauf. Deutschsprachiger Besuch kommt zwar, aber natürlich nicht so regelmäßig. Um auch die ecuadorianische Familie in die Wohnung zu holen, haben wir jetzt Fotos von unserem Sommer in Ecuador in der Wohnung aufgehängt, auf denen der kleine Prinz mit seiner ecuadorianischen Familie zu sehen ist. Sohnemann ist ganz begeistert davon!

Eine Zeitlang hat unser Plappermaul für jeden Begriff beide Benennungen nacheinander gesagt, aber in den vergangen Tagen stellen wir fest, dass er sich (mit seinen gut 15 Monaten) gezielt auf Deutsch an mich wendet, und auf Spanisch an seinen Papa. Gerade höre den beiden zu, wie sie in einem Buch „abejas“ (Bienen auf Spanisch, Sohnemann sagt ‚becha‘) ansehen. Da steht der kleine Prinz auch schon mit dem Buch „Die fleißigen Bienen“ im Büro und fordert mich mit ‚bene‘ (Bienen) und ‚hoppan‘ (Ich möchte auf den Schoß genommen werden) zum Vorlesen auf …


3 Kommentare

Doppelt gemoppelt

Der kleine Prinz erstaunt uns mit seinen 15 Monaten sowohl motorisch als auch sprachlich jeden Tag aufs Neue. Er läuft schon sehr flink und stabil herum, auch beim Spazieren geht er schon ziemlich viel alleine, er baut schon selber kleine Türme aus Bausteinen, kann Duplosteine auseinander- und wieder zusammenbauen …

Dank der Semesterferien muss ich derzeit nicht nach Graz oder Wien an die Unis fahren, sondern arbeite ausschließlich im Home Office. Sohnemann genießt es in vollen Zügen, Mama häufiger in seiner Nähe zu spüren. Immer wieder klopft der kleine Mann an die Bürotür und überredet mich dazu, ihm aus einem Buch vorzulesen oder ihn einfach kurz hochzunehmen und mit ihm zu kuscheln.

Sagte er vor ein paar Wochen noch lediglich ‚buf‘ (Buch), so kann unser Sonnenschein heute bereits schon ‚ehse‘ (lesen) artikulieren. Wir stellen immer häufiger fest, dass er für zahlreiche Begriffe die Wörter in beiden Sprachen ausspricht – vorausgesetzt er kennt sie in beiden Sprachen. In seinem Bett sitzt zum Beispiel ein Teddy: Er sagt „oso“ – „Bär“; also das spanische und danach gleich das deutsche Wort. Genauso verhält es sich auch bei ‚datn‘ (Danke) – ‚assias‘ (gracias); ‚nejo‘ (conejo) – „Hase“; ‚fiss‘ (Fisch) – „pez“; „Na“ (Mostviertlerisch: Nein) – „No“, und vielen weiteren Wörtern. Der Hauptwortschatz unseres Sohnes besteht momentan aus Dingen des täglichen Lebens, Familie, Tieren und Natur, und wächst täglich weiter. Wir sind überzeugt davon, dass unser regelmäßiges Vorlesen in beiden Sprachen sehr maßgeblich dazu beiträgt, dass der kleine Prinz schon so toll sprechen kann. Daher möchte ich in diesem Blogeintrag zwei der Bücherreihen vorstellen, die unserem Sohn die meiste Freude bereiten.

Die erste Bücherreihe wurde uns weitervererbt und stammt vom Buchverlag junge Welt (2003). Ich habe mich kurz auf deren Homepage umgesehen und musste leider feststellen, dass es diese Bücher offenbar nicht mehr zu kaufen gibt. Ursprünglich stammen die Bücher (auf Englisch) vom britischen Verlag Andromeda Oxford Limited, wenn meine Rechercheergebnisse stimmen, dann gab es insgesamt 16 Bücher. Das Einzigartige an diesen Büchern ist das Format: Es handelt sich um kleinkindgerechte Pappbücher, die 7 cm hoch, 6 cm breit und 1 cm dick sind und in ganz einfacher Sprache je eine Tierfamilie vorstellen. Erschienen sind wohl auf Englisch: Farmer Family (Vater, Mutter, Susi, Ben und Baby), Goose Family (Die schnatternden Gänse), Owl Family (Die klugen Eulen), Bee Family (Die fleißigen Bienen), Turkey Family (Die dicken Truthähne), Mouse Family (Die kleinen Mäuse), Sheep Family (Die wollenen Schafe), Chicken Family (Die scharrenden Hühner), Rabbit Family (Die munteren Hasen), Fox Family (Die schlauen Füchse) – sowie auch Pig Family, Duck Family, Cow Family, Dog Family, Horse Family und Cat Family, die es jedoch nicht mehr bis zum kleinen Prinzen geschafft haben, sondern schon von dessen Cousin „ausgelesen“ worden sein dürften. In den Büchern steht jeweils relativ wenig Text, und die Übersetzung der deutschen Titel finde ich ebenfalls sehr gelungen. Unsere kleine Leseratte kann bereits sämtliche Tiere auf Deutsch und auf Spanisch, und er bringt auch das passende Buch, wenn man ihn um eine bestimmte Tierfamilie bittet. Wir werden gut auf diese Schätze aufpassen müssen, damit auch die potenziellen Geschwister des kleinen Prinzen noch in den Genuss dieser Bücher kommen können.

Die zweite Bücherreihe haben wir sozusagen selbst entdeckt, weil wir für den Adventskalender unseres Sohnes keine Schokolade verwenden wollten. Nach einiger Recherche haben wir uns für Produkte aus dem Hause Lego (Duplo) entschieden. Es handelt sich um je ein Set, das aus einem Buch und Tierfiguren besteht. Letztere werden aus Duplosteinen gebaut. Die Geschichte dazu ist so konzipiert, dass man die Tiere während des Vorlesens zusammenbaut. Der kleine Prinz hat mit allen  Aktivitäten eine wahre Freude, die dieses Set bietet: Tiere zusammenbauen und zerlegen, mit den Tieren spielen, Tierlaute nachahmen, die Geschichte hören und auch die Bilder der Bücher gefallen ihm sehr gut. Wir haben „Ausflug in den Dschungel“ besorgt. In dieser Geschichte werden ein Elefant, ein Papagei, ein Krokodil und ein Tiger zusammengebaut, und der Rest des Buches bietet viele tolle Bilder von anderen Dschungeltieren und auch der Landschaft. Das zweite Buch ist „Die Regenbogenraupe“. In dieser Geschichte werden ein Käfer, eine Schnecke, ein Frosch und eine große Regenbogenraupe zusammengebaut. Auch dort findet man sehr schöne Bilder von anderen Tieren und von Landschaft.

Mama hält sich beim Vorlesen meist an den vorgegebenen Text – Papa hingegen improvisiert und erzählt jedes Mal eine andere kreative Geschichte auf Spanisch. Die Bilder sind ja zum Glück kulturübergreifend zu gebrauchen!